:1. motorisierte omnibus der Welt:

Kleinbahn Weidenau-Deuz

Erster motoisierter Linienbus der Welt

Über die Vorgeschichte der Kleinbahn Weidenau-Deuz findet sieh ausgiebiges Material in der Chronik von Herrn Stötzel. Die weitere Entwicklung beschreibt eine Abhandlung von Dr. Hermann Bümheim in einer leider vergriffenen Heftreihe über Kleinbahnen im Siegerland. Viele Informationen des folgenden Kapitels stammen aus diesen beiden Quellen.

Pläne für eine Eisenbahn durch das obere Sieg- bzw. Werthetal wurden bereits in den 30er und 40er Jahren des 19. Jahrhunderts entwickelt. Man dachte hierbei aber zuerst an die Linienführung überregionaler Verbindungen, wie Köln-Kas-sel oder Dortmund-Frankfurt. Leider wurde anderen Tälern der Vorzug gege-ben, so daß die im Siegener Raum tätigen Arbeiter aus dem oberen Siegtal weiter zu Fuß ihre Arbeitsstätten erreichen mußten. Weder der 1864 eröffnete Personenpostdienst von Netphen nach Siegen, der 1884 nach Deuz ausgedehnt wurde, noch die 1895 eröffnete erste Motorbuslinie der Welt von Deuz nach Siegen hatten die notwendige Kapazität und Frequenz.

1903 einigten sich Kreis, Provinz und Staat unter dem Drängen von Landrat Dr. Bourwieg und dem in Netphen tätigen Pastor Vollmer, zu je einem Drittel den Bau einer Stichbahn von Weidenau nach Deuz zu finanzieren. Mit der Vermes-sung wurde im gleichen Jahr begonnen, und nachdem die Gemeinden die Grundstücke kostenlos zur Verfügung gestellt hatten, konnte im Frühjahr 1906 mit den Bauarbeiten begonnen werden.

Am 29. 11. 1906 wurde der Personenverkehr feierlich eröffnet. Zahlreiche Vertreter des öffentlichen Lebens nahmen an der ersten Fahrt von Weidenau nach Deuz teil. Im Bahnhof Deuz erwartete die Gäste der Kriegerverein und der Männer- und Jünglingsverein.

Unter den Klängen der Siegener Städtischen Kapelle marschierte man durch den festlich geschmückten Ort zum Festlokal Klein, freudig begrüßt von fähnchen-schwenkenden Schulkindern und begleitet von lauten Böllerschüssen. Zahlrei-che Reden wurden gehalten. Aus diesen Reden ist vom Inhalt her der Weitblick des Landtagsabgeordneten Macco aus Siegen hervorzuheben, der in der Zusammenführung der Eisern-Siegener-Eisenbahn, der Kreisbahn und der Kleinbahn Weidenau-Deuz eine große Aufgabe für die Zukunft sah.

Die Kleinbahn Weidenau-Deuz begann ihren Dienst mit 3 Dampfloks und einigen Personenwagen. Bereits 1908 benötigte man eine weitere Lok, und im Jahre 1913 mußte der bis dahin kombinierte Personen- und Güterverkehr getrennt werden. 1911 wurde der Weiterbau der Strecke nach Werthenbach beschlossen. Von den Plänen einer Verbindung nach Ewersbach und Walpersdorf wurde jedoch aus Kostengründen Abstand genommen. Durch den Aus-bruch des Ersten Weltkriegs verzögert, konnte die Verlängerung für den Personenverkehr 1916 und für den Güterverkehr 1917 in Betrieb genommen werden. Eine weitere Änderung im Streckennetz trat Ende der 30er Jahre ein, als nach dem Abbruch der Rolandshütte in Weidenau Gelände für einen neuen Endbahnhof mit entsprechenden Rangiergleisen frei wurde. Bis dahin verlief die Streckenführung durch Weidenaus Straßen und führte zu zahlreichen schreckli-chen Unfällen.

1939 konnte der erste Schienenbus in Betrieb gehen. Dadurch wurde neue Lokkapazität für den Güterverkehr frei. Der 2. Weltkrieg ging auch an der Kleinbahn nicht spurlos vorüber. Ein Drittel der Belegschaft wurde eingezogen. Durch die Einstellung von weiblichem Personal, zusätzlichen Lehrlingen und zum Kriegsende durch den Einsatz von Kriegsversehrten und polnischen Zwangsarbeitern versuchte man dem Mangel an Arbeitskräften zu begegnen. Als aber durch die häufigen Luftangriffe in den ersten Monaten des Jahres 1945 immer mehr Schäden am Streckennetz und an Fahrzeugen zu beklagen waren, wurde der Verkehr eingestellt.
Doch bereits im Mai wurde der Personen- und Güterverkehr wieder aufgenom-men. Nach der politischen Neuordnung fielen im Jahr 1955 die Anteile Preußens an das Land Nordrhein-Westfalen, die der Provinz Westfalen an die Stadt Siegen.

Damit war der Weg frei, auch die Verwaltung und Betriebsführung mit der Siegener Kreisbahn zu vereinigen. Ähnliches geschah mit der Eisern-Siegener- und der Freiengründer Eisenbahn, so daß nunmehr das komplette Kleinbahnensystem im Kreis Siegen in einer Hand lag.
Die Dampfpersonenzüge wurden Ende der 50er Jahre durch moderne Schienen-busse ersetzt, und auch im Güterverkehr hielt der Dieselmotor seinen Einzug. Ab 1962 gehörten dampfgetriebene Züge endgültig der Vergangenheit an. Doch auch die Schienenbusse konnten einen Trend nicht mehr aufhalten, der immer mehr auch im Siegerland einsetzte: die Verlagerung des Personen- und Güterverkehrs auf die Straße und eine zunehmende Individualisierung. So mußte bereits 2 Jahre vor der 1970 erfolgten Gründung der Verkehrsbetriebe Westfalen-Süd der schienengebundene Personenverkehr eingestellt werden. Doch der flexiblere Busverkehr sicherte dem Unternehmen einen festen Stand in unserer Region.


Nachbau des ersten Linienbusses der Welt vor dem Bahnhof Deuz